Tool-Test
Kann ChatGPT Übersetzungen in Leichte Sprache?
Von Netzwerkfreundin Anna Bittner
Diese Frage kam mir auf der Suche nach einem smarten Arbeitsalltagshelferlein. Denn ich übersetze regelmäßig Texte in Leichte Sprache und könnte hier gut Unterstützung gebrauchen.
KI benutze ich direkt oder indirekt immer wieder – zum Beispiel den Duden Mentor zur Textkorretur oder ein kostenpflichtiges Übersetzungs-Tool für Leichte Sprache. Letzteres überzeugte mich allerdings nicht und ich verwende es nach einer Testphase nicht weiter. Ich wollte dennoch wissen, ob eines der bekanntesten Werkzeuge – der auf maschinellem Lernen basierende Chatbot ChatGPT – mir bei Übersetzungen in Leichte Sprache helfen oder zumindest Teilaufgaben im Erstellungsprozess übernehmen kann.
Der Prozess bei Übersetzungen von „schweren“ Texten in Leichte Sprache sieht im Groben so aus:
- Originaltext verstehen und wichtige Inhalte erkennen.
- Originaltext in Leichte Sprache übersetzen und formatieren.
- Text in Leichter Sprache von einer Prüfgruppe prüfen lassen und optimieren.
Für meinen Tool-Test durchlief ich den Prozess ohne Formatierung und Prüfung. Zudem formulierte ich eine extra schwierige Aufgabe für ChatGPT, die ich parallel selbst löste.
Die Aufgabe lautete: Übersetze den ersten Absatz des ersten Artikels der Datenschutz-Grundverordnung in Leichte Sprache.
Klingt unrealistisch? Tatsächlich haben wir schon Datenschutzhinweise mehrerer Websites in Leichte Sprache übersetzt, zum Beispiel von der Stadt Fulda oder dem Deutschen Evangelischen Kirchentag. Außerdem sollte die Aufgabe richtig schwer und herausfordernd sein.
So lief der GPT-Test ab
Am 28. September 2023 besuchte ich den deutschsprachigen GPT-Chatbot und musste zuallererst feststellen, dass ich ohne Anmeldung eine geringe Chance auf Antworten hatte. Ständig war der Chat ausgelastet für die Version GPT-3.5 Turbo von OpenAI, und deshalb legte ich ein eigenes Profil an.
Damit sollte ich auch zuverlässiger die Version GPT-4 sowie die Anwendung GPT-X nutzen können. Alle Chat-Schnipsel, die ich im gesamten Test ergattern konnte, stammten von unterschiedlichen Versionen – je nachdem, welche gerade funktionierte.
Das fühlte sich ein wenig nach Glücksspiel an und nicht nach einem zuverlässigen Werkzeug.
Ich musste der KI meine erste Frage „Kennst du Leichte Sprache?“ mehrmals stellen, erst irgendwann antwortete GPT-4. Zwar ausführlich – aber im Vergleich zu gängigen Definitionen der Leichten Sprache verkürzt. Das bestätigt meine Vermutung, dass er für meine sehr spezielle Aufgabe nicht ausgelegt ist:

Die Freude, dass ich überhaupt eine Antwort bekam, hielt nur kurz. Bereits nach dem nächsten Prompt „Kannst du trotzdem einen Text in Leichte Sprache übersetzten?“ folgte wieder eine Pause, denn meine GPT-4 Tokens waren aufgebraucht und ich wollte kein Geld für weitere ausgeben.
Ich wechselte zur Version GPT-3.5, die auf einmal doch Übersetzungen in Leichte Sprache konnte! Ich suchte den Originaltext der DSGVO auf Deutsch heraus und übergab die ersten drei Absätze des ersten Artikels. Währenddessen vertrieb ich mir die Wartezeit mit meiner eigenen Übersetzung.
Eine halbe Stunde später ratterte der Chatbot immer noch ergebnislos. Und auch ich fing an, meine eigenen Übersetzungsfähigkeiten in Frage zu stellen. Je mehr ich den Text verstehen wollte, desto mehr musste ich mir eingestehen, dass ich den Inhalt vielleicht doch nicht hundertprozentig begriffen hatte, also mit dem ersten Schritt des Erstellungsprozesses noch nicht fertig war. So kam mir die naheliegende Idee, nach einer Erklärung für den Originaltext zu fragen – eine lösbare Aufgabe für ChatGPT!
ChatGPT als Erklär-Bot
Hier kommt der Originaltext und etwas weiter unten mit dem grünen Icon die Antwort von ChatGPT:
Art. 1
Gegenstand und Ziele(1) Diese Verordnung enthält Vorschriften zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Verkehr solcher Daten.
(2) Diese Verordnung schützt die Grundrechte und Grundfreiheiten natürlicher Personen und insbesondere deren Recht auf Schutz personenbezogener Daten.
(3) Der freie Verkehr personenbezogener Daten in der Union darf aus Gründen des Schutzes natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten weder eingeschränkt noch verboten werden.

Ich beschloss, mich an dieser Stelle nur noch auf den ersten Absatz im ersten Artikel zu beziehen und fragte diesen an:

Neue Möglichkeiten für den Chatbot
Ich konnte also Aufgaben in Unteraufgaben zerlegen, mit denen der Chatbot mehr anfangen konnte. Ich konnte die vereinfachte Erklärung benutzen und dann gezielt Aufgaben zuweisen, die daraus bestanden, einzelne Regeln (orange markiert) der Leichten Sprache anzuwenden. Weitere Verständnisfragen ließ ich ebenfalls beantworten (lila markiert). Der Chatverlauf, nachdem ich mich an das „Versionen-Gehopse“ gewöhnt hatte, sah schließlich so aus:

Ich hätte neben den Regeln und Empfehlungen der Leichten Sprache noch weitere anwenden lassen können, zum Beispiel die Sätze ohne Aufzählung mit Kommas zu formulieren. Ich entschied mich aber dagegen, da die Aufforderung als Eingabe länger dauern würde, als es selbst zu machen.
Was fällt auf: Der Chatbot erkennt, dass „natürliche Personen“ zwar kein Fremdwort im eigentlichen Sinne ist, aber Erklärungsbedarf hat. Eindeutige Fremdwörter wie „identifizierte“ oder „identifizierbare“ wandelte er um. Das Wort „Information“ blieb. Witzigerweise ersetzt er Teile mit einem langen neuen Fremdwort, der „Privatsphäre“ – ich frage nach, was das ist, und lasse mir Synonyme geben, um damit ein passendes Nicht-Fremdwort zu erhalten. Insgesamt verkürzt er den Text, auch wenn er davor formulierte Aufgaben wie das Entfernen der Kommas in weiteren Schritten nicht mehr anwendet. Hier stelle ich die Lernfähigkeit infrage und auch mich selbst: Habe ich die Prompt-Eingaben sinnvoll gesetzt?
Zeit für die eigene DSGVO-Übersetzung
Ich startete daraufhin einen neuen Versuch der Übersetzung, und das ist mein Ergebnis in Leichter Sprache, ergänzt durch die Hilfe von ChatGPT. Noch ohne Leichte Sprache-Bilder und Leichte Sprache-gerechte Formatierung und Bilder:
Die DSGVO ist eine Verordnung.
Der lange Name ist: Daten-Schutz-Grund-Verordnung
Die Verordnung ist für alle in der Europäischen Union.
Der kurze Name ist EU.
In der EU sind viele Länder aus Europa.
Die Verordnung hat viele Regeln.
Die Regeln werden auch Artikel genannt.
In den Artikeln stehen noch genauere Regeln.
Der Name von den genaueren Regeln ist Abschnitt.
Im ersten Artikel steht im ersten Abschnitt:
Die Verordnung schützt die Privat-Sphäre und persönlichen Infos von Menschen.
Privat-Sphäre ist ein Grund-Recht und bedeutet:
Die privaten Infos darf jeder für sich haben.
Und jeder darf selbst über die eigenen Infos entscheiden.
Zum Beispiel wer die Infos bekommt.
Oder was mit den Infos passieren soll.
Persönliche Infos von einem selbst sind zum Beispiel:
– Name
– Adressen
– Telefon-Nummer
– IP-Adresse
Das sind Nummern für das Internet.
Andere müssen gut mit den persönlichen Infos umgehen.
Und die Regeln von der Verordnung genau beachten.
Dann können die Infos zum Beispiel im Internet verschickt werden.
Oder für ein Geschäft benutzt werden.
Antwort und Fazit
Nach mehr als zwei Stunden habe ich 25 Wörter mithilfe von ChatGPT in Leichte Sprache übertragen – das dauert zu lang. Puh, ich brauche eine Pause. ChatGPT übersetzt sogar noch langsamer als das auf Leichte Sprache spezialisierte Übersetzungs-Tool, von dem ich eingangs schrieb.
Kann ChatGPT also Leichte Sprache? Die Antwort ist leider: nein. Aber der Chatbot kann mich bei der Recherche – also dem Verstehen von Originaltexten – unterstützen, mir Synonyme liefern und eingeschränkt einzelne Regeln auf Sätze anwenden.
Stand jetzt kann ich meine Arbeitsabläufe mit ChatGPT nicht beschleunigen – und noch weiter an meinen Zukunftswunsch eines barrierefreieren Internets gedacht: Aktuell wäre keines der Programme in der Lage, direkt von Menschen genutzt zu werden, für die auch Leichte Sprache entwickelt wurde. Erstrebenswert fände ich Inhalte und Internetdienste, von denen alle Menschen gleichermaßen profitieren.
Bild von ThankYouFantasyPictures auf Pixabay
Netzwerkfreundin
Anna Bittner
ist Mitarbeiterin bei fraureith – Büro für Text und PR unserer Wortschätze-Texterin Christine Reith und unterstützt in den Bereichen Organisation, Backoffice, Leichte Sprache und Text.



