Klartext
Darum liebe ich die Leichte Sprache
Von Christine Reith
Welche Bilder entstehen in deinem Kopf, wenn du an Barrierefreiheit denkst? Ich könnte wetten: Rollstuhlrampen, Blindenleitsysteme, abgesenkte Bordsteine. Dabei umfasst der Begriff weit mehr als nur bauliche Aspekte – etwa die Kommunikation: Die sogenannte Leichte Sprache richtet sich an alle Menschen, die Probleme mit dem Standarddeutsch haben und ermöglicht ihnen so Teilhabe und Mitbestimmung. Ein Grund, warum ich seit 2016 als Übersetzerin für Leichte Sprache arbeite.
Ob Mietverträge, Zeitungsartikel oder Parteiprogramme: Sehr viele Texte im Deutschen sind sehr schwer zu verstehen. Und immer noch hält sich der Mythos, dass besonders kompliziert ausgedrückte Gedanken besonders intellektuell wirken. Das ist nicht nur anstrengend, sondern für viele Menschen ein echtes Problem: Rund zehn Millionen Deutsche können Standardtexte nicht gut lesen und verstehen – zum Beispiel funktionale Analphabeten, Menschen mit Demenz, mit einer anderen Muttersprache oder mit Lernschwierigkeiten (früher hätte man „geistige Behinderung“ gesagt).
Doch können wir es uns als Gesellschaft leisten, einem Teil der Bevölkerung dauerhaft den Zugang zu relevanten Informationen vorzuenthalten – vom privaten Behördenbrief bis zu den tagesaktuellen Nachrichten? Ich halte das für gefährlich, demokratieschädigend und menschenverachtend – weswegen ich seit vielen Jahren im Bereich Leichte Sprache tätig bin.
Was ist Leichte Sprache und für wen ist sie gedacht?
Die Leichte Sprache ist eine besonders gut verständliche Variante der deutschen Sprache und wurde von Erwachsenen für Erwachsene mit Lernschwierigkeiten entwickelt – vor allem vom Verein Mensch zuerst. Deswegen sind diese Menschen auch die Kernzielgruppe. Die Leichte Sprache erleichtert die schriftliche und auch mündliche Kommunikation und fördert so Teilhabe, Selbstbestimmung und Inklusion für Menschen mit Behinderungen oder anderen Hemmnissen.
Was sind die Regeln der Leichten Sprache?
Für die Leichte Sprache gibt es eigene standardisierte Regeln. Man verwendet sehr kurze Sätze und einfache Wörter, macht nur eine Aussage pro Satz und verzichtet auf alles Komplizierte. Tabu sind zum Beispiel Passiv, Genetiv, Fachwörter, Verneinungen oder bildhafte Sprache. Zusammengesetzte Wörter werden mit einem Bindestrich (-) oder Mediopunkt (∙) getrennt. Zur Leichten Sprache gehören spezielle Illustrationen, die die Aussagen im Text unterstützen. Auch die Grafik, also etwa eine gut lesbare Schrift, ist Vorrausetzung für Leichte Sprache.
Eine wichtige Rolle spielt die Zielgruppe: Damit ein Text das Leichte Sprache-Siegel erhält, muss er vor der Veröffentlichung durch sogenannte Prüfgruppen geprüft sein. Das bedeutet, Menschen mit Lernschwierigkeiten lesen den Text Wort für Wort und entscheiden, ob er verständlich ist. Sonst muss er nochmal überarbeitet werden.
Wo begegnet man der Leichten Sprache?
Texte in Leichter Sprache gibt es immer mehr. Die UN-Behindertenrechtskonvention und das Behindertengleichstellungsgesetz fordern explizit Texte in Leichter Sprache. Daher sind viele Informationsangebote der Bundesbehörden sowie anderer Ämter und Behörden, Ministerien, Organisationen, Parteien, Gemeinden etc. auch in Leichter Sprache verfügbar. Viele Medien wie der Deutschlandfunk, die taz oder Brand Eins veröffentlichen Nachrichten in Leichter Sprache, ebenso gibt es entsprechend übersetzte Romane oder Sachbücher.
Lesetipp: Beinahe jede Woche veröffentlicht der Deutsche Bundestag eine Zeitung in Leichter Sprache: „Das Parlament – leicht erklärt!“ beschäftigt sich mit aktuellen politischen Themen und wird vom Fuldaer Nachrichtenwerk des inklusiven Netzwerks antonius erstellt.
Wie sieht meine Arbeit im Bereich Leichte Sprache aus?
In der Regel beauftragen mich meine Kund*innen mit Übersetzungen, bei denen ich einen fertigen „schweren“ Text in Leichte Sprache übertrage. Meist handelt es sich um gedruckte Texte, doch auch Texte zum Sprechen kommen hin und wieder vor. Im Frühling 2023 etwa durfte ich den Deutschen Evangelischen Kirchentag bei der barrierefreien Kommunikation unterstützen und dabei auch Predigten übersetzen, die später vor Zehntausenden Besucher*innen gehalten und zeitgleich auf großen Leinwänden angezeigt wurden. Neben Übersetzungen schreibe ich auch eigene Texte in Leichter Sprache, etwa für die Zeitung „Das Parlament – leicht erklärt!“ vom Deutschen Bundestag.
Was ich so schätze an der Leichten Sprache
Leichte Sprache bringt Inhalte klar auf den Punkt – das liegt mir sehr, denn ich achte stets auf leichte Lesbarkeit und eine gute Struktur meiner Texte. Gleichzeitig entlarvt die Leichte Sprache verkomplizierte Ausgangstexte oder solche Textpassagen, die gar keine Aussage mehr haben außer „Blabla“. In der Wissenschaft, bei Gebrauchsanleitungen oder Texten von Behörden ist das sehr auffällig. Es macht mich einfach zufrieden, schwierige Texte so aufzubereiten, dass viele Menschen sie verstehen können.
So wie man bei Gebäuden und Bürgersteigen Barrieren abbauen kann, kann man es auch mit der Sprache tun.
Bild von congerdesign auf Pixabay
fraureith – Büro für Text und PR
Christine Reith
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